Der Fluß, bis dahin im wesentlichen in einem Bette fließend, fängt an, ein Netz von Kanälen durch die Landschaft zu ziehen; hierhin, dorthin windet sich der Dampfer, aber eh‘ es uns noch gelungen ist, uns in dem malerischen Wirrsal zurechtzufinden, tauchen plötzlich weiße Giebelwände, von Türmen und hohen Linden überragt, aus dem Landschaftsbilde auf. Noch eine Biegung und das übliche Hoi ho, das immer laut wird, wenn das Schiff sich einer Landungsstelle nähert, läßt sich aufs neue vernehmen. Eine alte Holzbrücke, mit hunderten von Menschen besetzt, sperrt uns den Weg; ein Fangseil fliegt über unsere Köpfe weg, dem Brückengeländer zu; der Dampfer legt an. Ein Drängen, ein Grüßen, dazwischen das Läuten der Glocke. Vom linken Ufer her aber wirft ein weitläufiger Bau, in Bäumen und Laubgängen halb versteckt, sein Spiegelbild in den Fluß. Es ist das alte Markgrafenschloß. Wir sind in Schwedt. (Theodor Fontane, Wanderungen durch die Mark Brandenburg)
Nun, ganz so romantisch, wie auf der Einladungskarte von Ilka versprochen, erleben wir Schwedt nicht. Dennoch war unser Besuch in Schwedt spannend! Schwedt ist wie wohl nur wenige andere Städte durch den sozialistischen Aufbau geprägt. Aus Fontanes Zeiten blieb nur noch ein kläglicher Rest Innenstadt zurück. Das Wirrwarr der unzähligen Kanäle im Odertal ist nur noch zu erahnen, eingezwängt zwischen dem Oderstrom im Osten und dem Kanal (Hohensaaten-Friedrichsthaler-Wasserstraße) im Westen sind nur noch Reste der alten Flußlandschaft erhalten. Diese sind allerdings spannend und machen Lust auf einen ausgedehnteren Urlaub im Nationalpark Unteres Odertal und dessen Umgebung. Wir aber haben nun in Schwedt nur ein Wochenende, vollgepackt mit Programm zu o.g. Anlass.




Vom sozialistischen Schwedt sehen wir noch Reste. Ein ehemaliger Klub als Ruine, Aufmarschstraßen gesäumt von Plattenbauten, menschenleere Reste einstiger Prachtboulevards, vom Wald zurück eroberte Plattenbauviertel. All das lässt die einstige Stadt nur vage erahnen, nur in Bildbänden sehen wir quirliges Leben in einer Stadt voller junger Menschen – verrückt. Wir besuchen den beeindruckenden Kulturpalast, ein monströses Stück Architektur als Endpunkt einer Sichtachse, die einst vom Lustschloss Mon Plaisir zum Markgrafenschloss reichte. Wir werden sachkundig durch das Gebäude und später durch die Stadt geführt und sind beeindruckt von der Fülle des Wissens und der Hingabe an seine Stadt, die uns der Führer vermittelt. Viele der faszinierenden Kunstwerke im öffentlichen Raum hätten wir wohl ohne Führung gar nicht wahrgenommen – wahrlich eine Stadt für den zweiten Blick. Nicht minder faszinierend sind die Plattenbaugebiete bzw. das, was davon noch übrig ist. Ganze Quartiere wurden inzwischen abgerissen, doch an deren Ränder sind noch vereinzelt Gebäude übrig, teils mit interessanten Wandbildern. Vom Rest zeugt nur noch das Straßennetz in jungem Wald. Spannend, sich hier quirliges DDR-Leben vorzustellen.







Unsere (Rad-)Tour führt am Nachmittag dann in die weite Landschaft des Odertals. Von der Ferne sehen wir die ewige Fackel des Petrolchemischen Kombinats und aus der Nähe die schier unendliche Papierfabrik – welch Gegensatz zur Naturlandschaft rechts des Radwegs. Die Dörfer sind geprägt vom Tabakanbau, immer wieder sehen wir die Scheunen, in denen früher der Rauchstoff getrocknet wurde. Naheliegend, dass wir in der alten Tabakfabrik feiern, bestens umsorgt, mit Familie und großem Freundeskreis und vielen Erinnerungen an das alte Schwedt, dem Geburtsort der Gastgeberin.
Wir kommen gewiss mal zurück, mehr von der Landschaft der Uckermark zu erkunden.