Unterwegs im Fränkischen

Für unsere diesjährige Wandertour haben wir die Gebiete jenseits der früheren Grenze ins Auge gefasst, das nördliche Franken und vor allem das Fichtelgebirge. Damit sind Erinnerungen verbunden an die Zeit der Wende, Begrüßungsgeld und erste Einkäufe im Westen, mit leuchtenden Augen den (aus heutiger Sicht) größten Plunder zuhause stolz gesichtet und konsumiert. Wir wollen wissen, was aus der Gegend geworden ist und freuen uns natürlich auch auf schöne Touren im Mittelgebirge.

Wir starten aber zunächst im Osten, der geographisch von Chemnitz aus gesehen allerdings südwestlich liegt. Der Zug bringt uns nach Plauen und von dort laufen wir bei strömendem Regen nach Pausa, bekannt durch den Erdmittelpunkt [17 km]. Letzterer stellt sich als Schnapsidee im engeren Sinne heraus, aber er gibt der verschlafenen Kleinstadt ein wenig Stolz. Abends nach der Einkehr bei deftig-leckerem Schnitzel bummeln wir noch ein wenig durch den Ort und genießen den schönen Abend. Am nächsten Tag bleiben wir noch diesseits der ehemaligen Grenze, wir queren das idlyllische Wisenta und streifen bei Schleiz das thüringische Vogtland [29 km]. Wir übernachten im schönen verträumten Dörfchen Zollgrün im Landgasthof Kanz, den wir gern empfehlen.

Am dritten Tag erreichen wir nun endlich Franken. Unterwegs kaufen wir sicherheitshalber noch mal gute ostdeutsche Backwaren in Tanna. Die ehemalige Grenze erreichen wir bei Mödlareuth, dem geteilten Dorf. Das dortige Grenzmuseum ist beeindruckend und noch immer erschütternd. Wir folgen lange dem ehemaligen Todesstreifen, der sich immer mehr in dichtem Wald auflöst. Bald erreichen wir den Rand von Hof – 1989 Sehnsuchtsort ostdeutscher Erstshopper [31 km]. Hof überrascht uns positiv, eine schöne Stadt, die wir damals vor lauter Kaufrausch wohl gar nicht richtig wahrgenommen hatten. Wir übernachten geradezu luxuriös im Hotel Maxplatz und essen abends sehr lecker im Karolins. Allerdings sehen wir in der Innenstadt auch leerstehende Geschäfte – die besten Zeiten scheinen vorbei. Am nächsten Morgen besuchen wir noch den herrlichen botanischen Garten und den umgebenden Bürgerpark. Entlang der Saale verlassen wir die Stadt mit besten Eindrücken. Später führt der schöne Weg uns weg vom Fluss, hinüber ins schöne Tal der Regnitz. Weiter geht es über Rehau bis nach Schönwald [27 km], unserem Tagesziel, wo wir im Landgasthof Ploss übernachten. Am nächsten Tag besuchen wir noch kurz die Innenstadt der ehemaligen Porzellanstadt.

Hier und in etlichen weiteren Orten unserer Tour ist der Niedergang greifbar. Vielleicht hat das auch mit dem verklärten Blick zu tun, mit dem wir 89/90 diese Städte betrachtet haben. Jedenfalls ist der Lack ab, die Porzellanindustrie ist Geschichte und Leerstand, Stagnation und Verfall dominieren. Das schreckt vermutlich auch Touristen ab, was aber vielleicht auch damit zu tun hat, dass viele Beherbergungsstätten in den 90ern, wenn nicht in den 70ern stecken geblieben sind. Und allein die schöne Natur des Fichtelgebirges, in die wir nun zunehmend eintauchen, lockt anscheinend auch nur Wenige. Diese Eindrücke verstärken sich in den nächsten Tagen – herrliche Natur und Niedergang in den Orten, der selbst in der Porzellanstadt Selb zu spüren ist. Hier haben wir nach der Wende Porzellan sehr guter Qualität gekauft, von dem wir noch immer gern essen. Doch das ist nun alles Geschichte.
Weiter geht es durch das herrliche Egertal nach Hohenberg an der Eger, welches beeindruckend mit Burg über dem Tal thront [24 km]. Unser Quartier „Zum Weissen Lamm“ würde man wohlwollend mit speziell beschreiben. Auf jeden Fall ist das Essen deftig-lecker, der Rest zumindest für uns gewöhnungsbedürftig. Ganz sicher gibt es aber Fans von sowas.

Weiter geht es durchs ehemalige Porzellanland und Fichtelgebirge, über Arzberg nach Bad Alexandersbad [26 km]. Auch hier, der Glanz ist ab, alles irgendwie aus der Zeit gefallen, aber viel schöne Landschaft. Im Kurort übernachten wir im Landhaus am Forst. Hier herrscht die Schilderitis, allein in unserem Zimmer tun Schilder zig Ge- und Verbote kund. Tatsächlich ist die Gastgeberin dann überraschend herzlich, wie wir beim üppigen Frühstück feststellen. Abends sind wir auf das einzig offene Restaurant im größten Hotel des Ortes angewiesen. Im Speisesaal wirkt die Stimmung drückend – unzufriedene Pauschalurlauber treffen schlechten Service. Wir werden satt.

Nun sind wir mitten drin im Fichtelgebirge. Um uns hohe Berge, ausgedehnte Wälder, Aussichtsfelsen – bestes Wandergebiet. Entsprechend gibt es viele herrliche Aussichten, verträumte Dörfchen, weite Wiesen, ganz herrlich. So erreichen wir das herrliche gelegene Warmensteinach am Ochsenkopf [24 km] mit dem Haus Brigitte. Der altbackene Name täuscht – hier hat die junge Generation übernommen, das Hotel modernisiert und bietet zeitgemäße Hotellerie und Kulinarik. Wir essen sehr lecker, regional, saisonal, auf hohem Niveau. Für Freunde edler Spirituosen gibt es Hunderte Gins, Brände und vieles mehr zu entdecken, teils aus eigener Herstellung. So sieht für mich die Zukunft der Region aus, damit könnte man wohl Gäste aus den Städten in die herrliche Landschaft locken. Leider wird das Haus Brigitte der einzige Lichtblick bleiben.

Am nächsten Tag geben wir uns nun das ultimative Fichtelgebirge. Mit der Faulenzervariante geht es vom schön gelegenen Bergort Fleckl auf den Ochsenkopf mit beeindruckendem Ausblick. Auf der anderen Seite geht es wieder runter ins Wintersportzentrum Bischofsgrün. Nun ja, alles nett, aber bisschen abgewohnt. Hier verlassen wir auch schon das Bergland und steigen nun hinab ins Tal des Weißen Main nach Bad Berneck [22 km]. Leider auch hier, ein potentiell sehr schöner Ort im Niedergang. Wir übernachten im Hotel Hartls Lindenmühle. Das liegt sehr schön am Rand des Kurparks und gibt sich chic. Essen gibt es leider nur auswärts, wir entscheiden uns mal für Pizzeria als Abwechslung zur meist fränkischen Küche. Nun folgen wir dem Weißen Main durch schöne Landschaft, vorbei an schönen Städtchen, die spürbar mehr Leben und Aufschwung ausstrahlen, etwa Himmelkron. Man merkt, dass wir uns nun dem vitalen Oberzentrum Kulmbach nähern, wo wir auch übernachten [24 km]. Das frisch sanierte Hotel Weißes Roß mitten im Zentrum erweist sich leider als Fail. Wir haben die Wahl zwischen Hitze und schlechter Luft oder Lärm der Restaurantlüftung direkt vorm Fenster – wie kann man nur sowas bauen? Dafür kehren wir sehr urig ein im Gasthaus zum Petz und hier bekomme ich endlich mal Schäufele – lecker! Kulmbach wirkt sehr lebendig, regelrecht urban verglichen mit den Orten im Fichtelgebirge. Wir bummeln durch die schöne Altstadt und sind beeindruckt.

Von hier aus folgen wir wieder ein Stück dem Weißen Main bis wir beim berühmten Bahnknoten Neuenmarkt hinüber ins schöne Tal der Schorgast wechseln [18 km]. Hier übernachten wir im Hotel Reiterhof oberhalb von Wirsberg. Von hier hat man einen schönen Blick ins Land. Da wir beizeiten ankommen, können wir noch die Sauna mitnehmen. Auch der Reiterhof hat seine besten Zeiten schon länger hinter sich. Alles wirkt etwas aus der Zeit gefallen, das Restaurant serviert bodenständige Küche, die nicht so recht zum vermeintlichen Anspruch passt. Etwas hilflos wirkende Hilfskräfte im Service tragen ihren Teil dazu bei, dass Preis und Leistung weit auseinander liegen.

Von Wirsberg geht es nun auf schönen Wegen wieder zurück ins Fichtelgebirge. Bei Zell besuchen wir noch die schön gelegene Quelle der Saale [25 km]. Wir übernachten in Zell im Gasthof Rotes Ross, ein einfaches, schlichtes Gasthaus und als solches sehr stimmig. Herzlicher Service und deftige Küche sorgen für einen gemütlichen Abend. Nun heisst es auch schon Abschied nehmen, die letzte kurze Tour bringt uns nach Münchberg [11 km], wo wir in den Zug nach Hof steigen um später von dort heimzufahren. Zuvor gibt es in Münchberg wie so oft auf dieser Tour einen deftigen Imbiss vom Fleischer, der nicht weniger als 4 Sorten Leberkäse anbietet.

Insgesamt bleibt eine schöne Tour durchs nördliche Franken mit viel schöner Landschaft und der Hoffnung, dass auch dieser Region im Zonenrandgebiet ein neuer Aufschwung bevorstehen möge. Wir kommen auf jeden Fall wieder und schauen nach!