Ein langes Wochenende in Prag

Zur schönen Hauptstadt an der Moldau haben wir eine ganz besondere Beziehung – wir haben Freunde vor Ort, welche die Stadt bestens kennen und insbesondere die Restaurantszene stets im Blick haben, so dass wir gemeinsam sorgfältig kuratiert schlemmern können. So lässt sich die Stadt wunderbar weitestgehend jenseits der gnadenlos überfüllten Touristenmeilen erkunden.

Diesmal kam noch hinzu, dass unsere Freunde eine Villa von Freunden sitten durften, womit wir einen schönen Ort zum Treffen in bester Lage hatten. Dort genießen wir die ersten warmen Tage des Jahres in schönster Umgebung, trinken Kaffee und am zweiten Abend können wir hier auch schön grillen: fettige tschechische Würste liegen friedlich neben Thüringern, die von den Gastgebern importiert wurden. Hier kosten wir uns auch durch das Birell-Sortiment, schade, dass es diese schönen alkoholfreien Radler in Deutschland nicht gibt.

Am ersten Abend machen wir noch kurz halt an der Burg, genießen den wunderbaren Blick und fahren dann mit der Straßenbahn zum Essen ins Kamin, welches sich jetzt an neuem Ort deutlich zentraler niedergelassen hat. Wie schon beim letzten Mal essen wir extrem lecker, böhmische Küche auf höchstem Niveau. Zur Wahl steht auf der Karte auch allerlei Streetfood, was an den Nachbartischen auch sehr lecker aussieht. Legendär und so eine Art Signature-Teller ist der lauwarme weiße Speck nach Art des Großvaters, der mit etwas Sauce und Senf wahlweise als Vorspeise oder für manches von uns auch als Dessert kommt. Dazu gibt es ein feines Craft-Bier und wie man hört, wollen die Eigentümer auch bald selbst brauen. Leckere Obstschnäpse runden den schönen Abend ab, bevor uns die 22er Bahn wieder zurück bringt.

Am nächsten Tag starten wir eine schöne Wanderung. Zunächst geht es zum weißen Berg, der gar nicht mal so bergig ist, aber mit schönem Rundumblick aufwartet. Nicht weit weg davon besichtigen wir den schönen Park von Schloss Stern. Von hier geht es weiter durch Wohngebiete, bis wir schließlich den Einstieg ins Sark-Tal erreichen. Die Situation ist fast ein bisschen surreal, eben noch Plattenbau und vierspurige Ausfallstraße und plötzlich idyllische Bergwelten, eine enge Schlucht und ein rauschender Bach. Wir folgen dem Tal über viele Kilometer, durch Wälder und weite Auen, Wiesen und kleine Dörfer. Eine herrliche Naturlandschaft und doch mitten in der Großstadt! In Höhe des Stadtteils Hanspaulka verlassen wir das Tal, laufen durch das hübsche Viertel und sind schon bald zurück an der Villa (Route 15,5 km). Hier wird heute gegrillt – siehe oben.

Auch am Samstag meiden wir die City weitgehend und erkunden die Höhenzüge. Zunächst geht es zum alten und teils verfallenen Strahov-Stadion, welches durch seine schiere Größe beeindruckt. Von hier ist es gar nicht weit zum Prager „Eiffelturm“, freilich als Touristenattraktion recht überlaufen. Doch schon wenige Meter weiter wird es wieder ruhiger, wir passieren die Hungermauer und laufen durch die Kinsky-Gärten im langen Zickzack hinunter in die Stadt. Hier erreichen wir wieder die Touristenwelt, doch der idyllisch gelegene Imbiss der Pfadfinder gilt noch immer als Geheimtipp direkt an der Moldau. Nach leckerer Einkehr bummeln wir noch ein wenig durch die Kleinseite, bevor wir wieder zurück zur Villa fahren, wo wir den Nachmittag schön vertrödeln (Route 9 km). Abends haben wir im Taro reserviert. Da wir die Spätschicht ab 21 Uhr gebucht haben, bleibt noch etwas Zeit, durch die Burg zu bummeln und die Höllenmeile hinunter in die Altstadt und über die Karlsbrücke zu erkunden. Während es in der Burg gegen 20 Uhr tatsächlich angenehm ruhig wird, ist die Brücke noch immer total überlaufen.

Wir suchen also schnell das Weite und eilen zum Genuss ins Taro. Hier gibt es vietnamesisches Fine Dining, dessen Zubereitung man mit ansehen kann, denn alle Gäste sitzen an einem Tresen rund um Küche und Anrichtebereich. Hier werden wir bestens betreut, nicht nur mit vielen feinen Gängen sondern auch der besten Getränkebegleitung, die ich je erlebt habe. Während ich die vergleichsweise langweilige Weinbegleitung bekomme, genießen die Begleiter eine Cocktailbegleitung oder eine alkoholfreie Begleitung – beide unfassbar raffiniert! Das Essen ist freilich noch immer die Hauptsache, immer wieder kommt Leckeres auf den Tresen. Der Hauptgang – zu dem eine gedruckte Bedineungsanleitung ausgereicht wird – ist eine vietnamesische Remineszenz an böhmische (Fleisch-)Küche: Neben einer kleinen gebratenen Wurst kommt eine Art Schinkenpraline und ein butterzartes Stück Schweinbauch mit krosser Kruste. Es ist einfach herrlich, Essen, Getränke und perfekter Service kommen hier aufs Wunderbarste zusammen. Kurz vor Mitternacht verlassen wir glücksselig das Etablissement und wieder bringt uns die 22er Bahn verlässlich zurück.

Auch am dritten Tag erkunden wir weiter die Höhenzüge. Diesmal besuchen wir zunächst die schönen Gärten an der Burg, von wo sich direkt der Letna-Park anschließt, der immer wieder herrliche Blicke auf die Stadt bietet. Hungrig geworden, gehen wir im nahen Viertel zu den beiden grad sehr angesagten Imbissen Sandwich Rodeo und Mr. HotDoG. Wir entscheiden uns für Sandwichs, die sich als extrem lecker (und extrem reichhaltig) entpuppen. So gefüllt können wir uns grad noch zur Straßenbahn schleppen, die uns zur Villa bringt, wo wir den Nachmittag wieder verdösen (Route 12 km). Abends laufen wir in die nahe Klosterschänke, wo wir zur Abwechslung mal solide und bodenständige böhmische Küche essen. Dazu gibt es hausgemachte Biere aus der nahen Brauerei, wo wir später auch noch auf ein Absacker-Bier einkehren.

Am nächsten Tag fährt schon wieder der Flix-Bus, zum Glück müssen wir nicht wieder zum furchtbaren Busbahnhof Florenc, sondern können ganz in der Nähe im Stadtteil Dejvice zusteigen, wo wir uns in einer Hipster-Fleischerei auch noch mit feinsten belegten Brötchen für die Heimfahrt versorgen. Drei Stunden später sind wir nach schöner Fahrt übers Erzgebirge zurück in Chemnitz.